Mindestens 44 Menschen sind beim Doppel-Anschlag am Samstagabend in Istanbul ums Leben gekommen, mehr als 160 wurden verletzt. Staatspräsident Erdogan kündigte Vergeltung an, der Türkei droht nach dem erneuten Terror eine Zerreißprobe. Auch in Deutschland verschärfen sich spätestens seit dem gescheiterten Militärputsch im Juli die politischen Konflikte zwischen den rund drei Millionen Türkeistämmigen. Der Streit zwischen Erdogan-Anhängern und Gegnern entzweit selbst Familien.

Der Berliner Soziologe Kazim Erdogan, einer der führenden Integrationsexperten, fürchtet die zunehmende Polarisierung in der türkeistämmigen Gesellschaft in Deutschland: "Uns bereitet Kopfschmerzen, dass sich Menschen mit türkischen Wurzeln in zwei Lager gespalten haben", sagt er. Nach Ansicht des Soziologen diktiere in Deutschland eine Mehrheit von Anhängern des türkischen Präsidenten Erdogan "die Bedingungen und übt Druck aus auf alle, die anders denken".

Welche Heimat? Deutschtürken in Almanya
Viele Deutschtürken fühlen sich nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Welche Rolle spielen kulturelle und religiöse Unterschiede? #BECKMANN gibt Einblicke in den Alltag Türkeistämmiger.

Die türkische Regierungspartei AKP habe nach dem Putschversuch Listen mit Unternehmern in Deutschland erstellt, die angeblich der Gülen-Bewegung angehören, und zu einem Kauf-Boykott aufgerufen. "Außerdem soll man weitere mögliche Gülen-Anhänger und Firmen dem türkischen Präsidialamt mitteilen. Das erinnert mich ein bisschen an das Dritte Reich und dem, was man mit Juden gemacht hat", beklagt Kazim Erdogan.

Verbundenheit mit der Türkei

Mehr als 50 Jahre nach der Ankunft ihrer Eltern und Großeltern fühlen sich große Teile der zweiten und dritten Einwanderergeneration der deutschen Gesellschaft nicht richtig zugehörig. Das ergibt die jüngste Integrations-Studie des Religionssoziologen Prof. Dr. Detlef Pollack: "Ein Drittel der Befragten sagen, nur der Islam ist die Lösung unserer modernen Probleme. Das ist fundamentalistisch und schwer aufzubrechen." Gleichzeitig unterstützt eine Mehrheit den autoritären türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Warum fühlen sich viele türkeistämmige Deutsche ihrem Herkunftsland verbundener als ihrer deutschen Wahlheimat? Wie wichtig sind Religion und Traditionen für sie? Welche Themen einen und welche entzweien sie?

Vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen geben Reinhold Beckmann und die Co-Autorinnen Yasemin Ergin und Esra Özer Einblicke in die Vielfalt deutsch-türkischen Lebens. Sie nehmen an traditionellen Familienfeiern und an einer Selbsthilfegruppe für überforderte türkische Väter teil, sie besuchen den Kreuzberger Fußballverein Türkiyemspor, in dem Türkeistämmige, Deutsche, Aleviten und Kurden zusammenspielen, und sie treffen Erdogan-Fans und Anhänger der Gülen-Bewegung in Deutschland. Außerdem sprechen sie mit Experten wie Seyran Ates über ein Phänomen: Warum bezeichnen sich die meisten Deutsch-Türken einerseits als gut integriert - und fühlen sich andererseits trotzdem nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft?

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