Bei Flucht und Migration sind besonders Frauen hohen psychischen und physischen Belastungen ausgesetzt. Frauen tragen die Verantwortung für ihre Kinder und die Familie in einer Umgebung, in der sie von ihren erweiterten familiären, sozialen und kulturellen Wurzeln abgeschnitten sind. Sie leben nicht selten isoliert oder „ghettoisiert“ unter meist kargen wirtschaftlichen Verhältnissen. Viele Frauen haben über Jahre hinweg keinen Kontakt zur einheimischen Bevölkerung. Die Gründe dafür sind fehlende Sprachkenntnisse, fehlendes Selbstbewusstsein, patriarchalische Familienstrukturen, keine eigenen finanziellen Mittel und eine unzureichende Beratung und psychologische Versorgung durch Fachpersonal aus dem Kulturkreis der jeweiligen Herkunftsländer.

Im Mittelpunkt des Projektes „Das bittere Land“ stehen Migrantinnen in Neukölln. Das Projekt besteht seit 2007 und wird in zwei Gruppen (arabisch und türkisch) angeboten. In Gesprächsrunden werden die Frauen sensibilisiert und lernen, offen über ihre Situation zu berichten. Angeleitet werden die Selbsthilfegruppen von jeweils einer Fachkraft. Die Gruppen treffen sich einmal in der Woche für drei Stunden. Durch diese Gespräche und gegenseitiges Kennenlernen wird Hilfe zur Selbsthilfe angeboten. Der Kontakt zu den Frauen erfolgt über die Schulen und Kitas in Neukölln sowie über Lebensberatungsangebote des Vereins.

Im Rahmen des Programms sollen entlang ihrer Bedürfnisse persönliche oder familienbezogene Fragen besprochen werden. Insbesondere die psychologischen Anliegen der Migrantinnen sollen in den Gesprächsrunden erörtert und unter fachlicher Anleitung nach Lösungsmöglichkeiten gesucht werden. „Zuhören, ernst nehmen, beraten" ist das Motto, Vertrauen die wichtigste Basis. Durch den Diskussionsprozess und die Öffnung der Teilnehmerinnen sollen ein Gemeinschaftsgefühl und der Anfang einer Netzwerkstruktur entstehen, ähnlich der Struktur einer Selbsthilfegruppe, die auch für zukünftige Lebenssituationen Hilfe zur Selbsthilfe bietet.

Entlang folgender Aspekte sollen die Probleme behandelt werden:

1. Schilderung von Problemsituationen im Alltag / psychische Belastungssituationen

2. Gemeinsames Entwickeln von Lösungsansätzen und praktischen Hilfestellungen

3. Sprachverbesserung (Die Gesprächsrunden werden in deutscher Sprache geführt)

4. Netzwerkbildung der Migrantinnen zwischen inländischer und ausländischer Frauen

5. Wo finde ich Unterstützung und Hilfe?

Das Projekt hat präventiven Charakter und soll die Situation der Migrantinnen stabilisieren, bevor sie öffentliche, medizinische und pädagogische Leistungen und Betreuungsangebote in Anspruch nehmen müssen. Gerade in der psychologischen Betreuung soll das Projekt eine Unterversorgung von Migrantinnen in Berlin ausgleichen helfen. Die Integration der in Neukölln lebenden Migrantinnen soll gefördert, und ihre Lebensbedingungen sollen verbessert werden. Im Besonderen sollen die Aktivitäten dazu beitragen, einen Ausweg aus Isolation und den „ghettoähnlichen“ Lebensbedingungen zu schaffen, ihre Kommunikationsfähigkeit zu stärken, Kontakte zu Inländerinnen zu knüpfen und damit ihre Identität zu stärken. Frauen sollen selbstbewusst den Alltag für sich und ihre Familie meistern. Für Inländerinnen soll das Projekt die Möglichkeit bieten, Migrantinnen und ihre Kultur kennen zu lernen, das gegenseitige Verstehen zu fördern, Ängste vor Multikulturalität abzubauen und eigene Isolations- bzw. Problemsituationen anzusprechen und zu vergleichen.